Boombranche FinTech – Kooperation statt Disruption?

// originally published on Gründerszene - Author: Lydia Skrabania

Analyse. In einer achtteiligen Serie beleuchtet Gründerszene die Startup-Trends des vergangenen Jahres. Teil 3: Der FinTech-Boom und das späte Erwachen der Banken.

Ernormes Potenzial durch Rückständigkeit der Banken

Sie sind gekommen, um die Finanzbranche aufzumischen: FinTech-Startups. Wie Pilze schossen 2014 etliche dieser Unternehmen aus dem Boden, die in sämtlichen Bereichen rund um das liebe Geld bessere Lösungen finden wollen als traditionelle Banken und Finanzdienstleister, welche bei der Digitalisierung ihrer Geschäftsfelder bisher nicht allzu weit gekomen sind. Mit den Apps und auf den Online-Plattformen der frischen FinTechs sollen Kontoführung, Überweisungen, Geldanlage und Kreditvergabe schnell und einfach funktionieren. Warum also in die Bankfiliale gehen, wenn man all das bequem mit dem Smartphone erledigen kann?

Doch genau hier liegt auch die große Schwäche von FinTech: Wenn es ums Geld und dessen Sicherheit geht, vertrauen viele Kunden nach wie vor auf die Banken. Trotz Bankenkrise – auch im Jahr 2014. Noch. Weil sie sich davor scheuen, ihre sensiblen Kontodaten einer App anzuvertrauen oder weil sie auf eine Beratung von Angesicht zu Angesicht nicht verzichten wollen.

Neben den alten Gewohnheiten und Denkweisen der potenziellen Kunden müssen FinTech-Startups aber noch weitere Hindernisse bewältigen: Aufgrund großer regulatorischer Hürden kann man den Finanzsektor eben nicht so ohne Weiteres umgekrempeln. So ist es in Deutschland äußerst schwierig, eine Banklizenz zu bekommen. Was also tun? Die Lösung heißt Kooperation: Anstatt den langwierigen und Ressourcen-fressenden Weg zur BaFin zu beschreiten, ist es für ein kleines Startup oft sinnvoller, sich einen Partner ins Boot zu holen, der bereits über eine Banklizenz verfügt.

Genau solche Kooperationen führen aktuell der mobile P2P-Zahlungsdienst Cringle mit der DKB, der Kreditmarktplatz Finmar mit der Fidor Bank, der Geldanlage-Dienst Vaamo mit der FFB oder das Girokonto-Startup Number26 mit der Wirecard Bank. Die Startups bieten dabei die technische Plattform und drängen sich zwischen den Kunden und die Banken – die im Hintergrund still und leise die Bankgeschäfte abwickeln und dabei jeglichen Kundenkontakt einbüßen.

Ende des Banken-Winterschlafs?

Eine Degradierung zum bloßen Abwickler lassen die Banken jedoch nicht kampflos über sich ergehen – wenn sie auch lange in Passivität verharrt sind. Es scheint nun, als wären sie in diesem Jahr langsam aus ihrer Trägheit erwacht. So hat beispielsweise die Commerzbank im Frühjahr 2014 ihren Main Incubator für FinTech-Startups gestartet, im Herbst folgte ihr neuer Beteiligungsarm CommerzVentures. Und auch die Deutsche Bank kündigte an, 200 Millionen Euro in die Digitalisierung ihres kundennahen Geschäfts investieren zu wollen.

Und was passiert, wenn traditionelle Finanzdienstleister nun auch anfangen, gute digitale Lösungen zu bauen? Es könnte dazu führen, dass die großen Bereiche wie Kontoführung und Überweisungen weiterhin den Banken vorbehalten wären. Die kleineren Startups der FinTech-Branche, die auf die Zusammenarbeit mit den Banken angewiesen sind, müssten dann das Feld räumen und sich in Nischen zurückziehen – wo es die Großen nicht kratzt.

Längst interessieren sich aber nicht nur kleine Startups für den FinTech-Sektor, auch große Akteure geben der Branche Auftrieb: Der Samwer-Inkubator Rocket Internet startete in diesem Jahr seine Online-Kreditplattform Spotcap – bereits sein fünftes FinTech-Startup nach Zencap, Lendico, Payleven und Paymill. Und Hitfox launchte 2014 seinen FinTech-Inkubator Finleap: Vier bis sechs Startups soll dieser pro Jahr ausgründen, das Start-Funding für die Jungunternehmen beträgt dabei zwischen einer halben Million und fünf Millionen Euro.

Die Tendenz für 2015 ist klar: Die Branche wird weiter wachsen. Die große Frage ist, ob die Banken rechtzeitig nachziehen können – oder ob ihr Zögern und Zaudern zu lange gedauert hat. Falls Startups es jedoch schaffen, ohne die Hilfe der Banken die regulatorischen Hürden zu überwinden und eine eigene Banklizenz zu erhalten – wie es aktuell der Schweizer Inkubator Centralway für seine Mobile-Banking-App Numbrs anstrebt –, könnte für die Banken selbst die reine Abwickler-Rolle obsolet werden.

Im kommenden Jahr müssen die Banken also aktiv zeigen, wie viel ihnen tatsächlich am Kundengeschäft liegt – und ob sie mehr können als Investmentbanking. An den Startups hingegen ist es, zu beweisen, ob sie dazu in der Lage sind, mit schnellen, einfachen und vor allem sicheren Lösungen den Markt auf den Kopf zu stellen. Beide Fraktionen werden dabei in der nächsten Zeit vor allem herausfinden müssen, ob sie miteinander oder gegeneinander arbeiten wollen.

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